Nicht weil es schwer ist, wagen wir es nicht, sondern weil wir es nicht wagen, ist es schwer. ~Seneca

Diese letzten Tage in der Firma waren eine Achterbahnfahrt! 3-2-1 der Contdown läuft. Gefühlsmäßig war alles dabei: Ich fühlte mich beschwingt, nervös, überrumpelt, wehmütig, freudig… Ein Auf und Ab an Empfindungen. Nach 7 Jahren in dieser Firma bedeutet das Abschied nehmen und Abschließen, loslassen zu müssen. Von Liebgewonnenem, von Menschen, die ich gerne im Arbeitsalltag traf, dem routinierten Arbeitsweg, den ich nicht mehr suchen musste, von meinen Projekten und Aufgaben.

„Genieße dieses Gefühl“, meinte eine liebe Kollegin euphorisch, die mir eine Freundin geworden ist. „Das wirst du so schnell nicht wieder haben!“

Kein Tag verging, an dem mich nicht mindestens ein Kollege im Büroflur ansprach und mir gratulierte. Zur Entscheidung und zu meinem Mut. Manchmal schlackerten mir dabei die Knie, als ich dieses Wort hörte. „Mut“. Wieso sollte ich mutig sein? Weil ich mich ins Ungewisse begebe und den gewohnten Alltag, das Bekannte für eine Zeit verlasse? Oder weil ich ferne Länder bereisen werde, über die man ab und an auch Horrorgeschichten hört („Gibt’s da nicht noch Kannibalen?“). Oder weil ich einen gutbezahlten Job aufgebe und eine „Lücke“ in meinen Lebenslauf reiße (natürlich denke ich nicht so, denn ich reise ja. Wo soll da eine Lücke sein?!)? Aber warum ist das mutig? Jeder kann das Flugticket buchen, jeder kann kündigen, jeder kann seine Wohnung untervermieten und seine Versicherungen für die Auszeit regeln…

Mit dem Mut ist es so eine Sache… Gestern während des Gesundheitschecks beim Arzt:
„Warum haben Sie denn so viele Impfungen in den letzten Monaten bekommen?“ Ich werde reisen, nach Afrika und Asien. „Oh Afrika! Überlegen Sie sich das noch einmal! Ich habe von einer jungen Frau gehört, die sich dort eine Augenentzündung eingefangen hat. Die medizinische Versorgung ist furchtbar! Die Ärzte dort konnten ihr nicht helfen und sie musste zurück nach Deutschland. Es war schon zu spät. Ihre Hornhaut konnte nicht mehr gerettet werden. Sie ist nun auf einem Auge blind. Überlegen Sie sich das noch einmal mit Afrika!“

“Hmm… ich glaube, ich bleib’ doch hier!” flüstere ich in Gedanken zu mir selbst. “Warum sollte ich mir das antun und mich solchen Gefahren aussetzen. Hier ist‘s doch schön und hier ist mir alles vertraut. Hier weiss ich, in welches nächstgelegene Krankenhaus ich muss, wenn ich in der Küche ausrutsche und mir den Fuß verstauche (es heißt, die meisten Unfälle passieren im Haushalt. Stimmt das?). Hier kann ich nachts spazieren gehen. Hier laufe ich meine täglichen Wege routiniert ab und muss gar nicht mehr darüber nachdenken, wo ich meine Lieblingsmarmelade und meine erprobte Gesichtscreme kaufe (auf Philippinen hatte ich Probleme, eine Creme zu finden, auf der nicht „skin whitening“ geschrieben war).”

Doch dann fällt mir wieder ein, was mir Reisen bedeutet. Reisen mag für jeden etwas anderes sein und irgendwie ist es schwierig, in Worte auszudrücken. Vielleicht ist es einfacher, zu erklären, was es für mich nicht ist. Reisen ist kein Urlaub. Reisen ist kein Weglaufen vor irgendwas. Reisen ist keine Behandlung für Fernweh (manchmal, aber nicht nur). Reisen ist kein von A nach B kommen…

Was ist es dann? Für mich ist Reisen eine Lebensweise. Reisen weitet, öffnet, ermöglicht. Reisen lässt einen wieder Kind sein, indem man entdeckt, begegnet und staunt.

Dann verklingen die Horror-Stories. Und ich fühle mich nicht mutig sondern einfach zutiefst überzeugt.

 

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