Die Zugfahrt von Fianarantsoa (kurz Fianar) nach Manakara an die Südostküste des Landes sollte man nicht verpassen, meinten einige Reisende, mit denen wir uns über Sehenswertes austauschten. Ursprünglich wollten wir nach einer anstrengenden Taxi-Broussefahrt, die wir kurz zuvor durchlitten hatten, zwei Tage in Fianar Pause machen. Doch im Reiseführer wurde erklärt, dass der Zug nur dreimal die Woche fahre und bereits am nächsten Tag wieder aufbrechen würde. Da wir nicht unnötig lange in der Stadt hängen bleiben wollten, entschieden wir uns, den nächsten Zug zu nehmen.

Trotzdem wollten wir uns Fianar nicht entgehen lassen, denn auch wenn manche behaupten, dass Madagassische Städte nicht viel zu bieten hätten und eine wie die andere sei, können wir dem nicht zustimmen. Denn bis jetzt hat uns jede Stadt etwas Besonderes, etwas für diesen Ort außergewöhnliches offenbart. Fianar ist eine Stadt auf Hügeln (deshalb gibt es hier wohl auch keine Pousse-Pousse-Fahrer, die einen ständig ansprechen und zum „mitfahren“ verleiten wollen), die eine für Madagaskar untypische und schon fast malerische Altstadt (Old Upper Town) hat. Wer den Aufstieg nicht scheut, wird mit kleinen Gässchen und farbenfrohen Gärten belohnt. Beinahe hatten wir das Gefühl, in einer italienischen Kleinstadt gelandet zu sein. Auffallend waren hier auch die Kinder, die uns im feinsten Französisch oder Englisch begrüßten und ihren Charme spielen ließen (meist um kleine, verzierte Kärtchen oder ihre Stadttourdienste zu verkaufen). Wer mit Französisch und Englisch nicht viel anfangen kann, wird hier keine Probleme haben. Denn die Kleinen haben auch Deutsch, Spanisch oder Italienisch im Repertoire gehabt. Wie auch Antonio und David, die wir in der Altstadt trafen und die uns allerlei Infos (ungefragt natürlich) über das Viertel mitteilten. Nicht so charmant wie die Kleinen sind die Fianar-Männer, die unsere Aufmerksamkeit hartnäckig auf sich ziehen wollten, indem sie fortwährend „psst… psst“ zischten. Vielleicht heisst das ja so was wie „Ciao Bella!“ auf Madagassisch.

Fianar hat noch eine andere Spezialität in petto, die das Stadtbild augenfällig prägt. Dies scheint die Stadt des Schuhverkaufs zu sein. An jeder Ecke gibt es auf dem Boden liegende Schuhhaufen oder die Treter baumeln an Schnüren unter Plastikplanen.

Fianar_Old-Town

Fianar_Old-Town#2

Fianar_Old-Town_Kids

Schuhe_Fianar#1

Schuhe_Fianar#2

Schuhe_Fianar#3

Im Hotel trafen wir Laurence wieder, die wir auf unserer 7-Tagetour kurz zuvor kennengelernt hatten. Ihr Plan war es gewesen, bereits zwei Tage vorher mit dem Zug abzureisen, doch am Bahnhof sagte man ihr, die Lok sei kaputt und da es nur diese eine für die Strecke gäbe, könne der Zug nicht abfahren. Wir hatten jedoch Glück. Die Lok war in der Zwischenzeit repariert worden und wir beschlossen, am nächsten Tag zu dritt auf die Reise zu gehen.

Wir sollten um 06:45 Uhr morgens am Bahnhof eintreffen. Das Finden des richtigen Bahnsteigs war nicht schwierig. Es gab nur einen und demnach nur einen Zug. Die Strecke zwischen Fianar und Manakara war lange Zeit die einzige, die für Personenverkehr eingerichtet war, nachdem die staatliche Bahn völlig heruntergewirtschaftet worden war (im nördlichen Teil des Landes gibt es heute einen weiteren Streckenabschnitt für Passagiere und weitere für Güterverkehr).

Am Bahnsteig angekommen führte uns ein unübersehbares 1.-Klasse-Schild zu unserem Waggon (die „2“ schimmerte noch unter dem Lack hervor und verriet, wie schnell die 2. Klasse ein Upgrade bekommen kann). Die zerschlissenen Sitze sahen zwar nicht besonders gemütlich aus, aber immerhin waren sie ein wenig gepolstert (naja, wäre da nicht die Polsterfeder gewesen, die mich unentwegt pikste). Wir mischten uns unter Einheimische und Touristen. Neben den Backpacks der Vazaha wurden Reissäcke und Bananenstauden verstaut und manch ein Madagasse machte sich‘s einfach auf seinem 70er-Jahre-Retrokoffer zwischen den Sitzen bequem. Die Fahrtzeit für 163 km war auf 6 bis 10 Stunden angesetzt, aber wir hatten auch schon Geschichten gehört, in denen der Spaß 16 Stunden gedauert hatte. Also 6 bis 16 Stunden… das ist doch mal eine exakte Zeitangabe!

Fianar_Bahnhof

08_Erste_Klasse

05_Reservierte_Plätze

11_Zugwaggon

Wenn man es schaffte, sich während der Fahrt einen Platz an der offenstehenden Tür oder einem halbgeöffneten Fenster zu ergattern, hatte man einen großartigen Blick auf sattgrüne Reisfelder eingebettet in eine lehmbraune Hügellandschaft, dicht bewachsenen Regenwald des Ranomafana Nationalparks, in tiefe Schluchten und kleine Bergdörfer. Dabei schoss uns immer wieder ein starker blumig-minziger Duft in die Nase und wir fragten uns, was das wohl sei. Man konnte sich wunderbar treiben und seine Gedanken schweifen lassen. Das einzige, worauf man dabei achten musste, war den Kopf rechtzeitig einzuziehen, so dass die peitschenden Äste einen nicht trafen, da der Zug durch eine sehr schmale Schneise durch den Wald fuhr und alles mitriss, was im Weg war.

Der vorbeikommende Zug schien ein Highlight für die Ortsanwohner zu sein. Alle hielten sie inne, winkten, Kinder liefen dem Zug nach und selbst in der Ferne stoppten Arbeiter ihre Feldarbeit und blickten den Fahrgästen hinterher. Alle 20 Minuten hielt der Zug in kleinen Bergdörfern an und immer wieder spielte sich das gleiche Ritual ab: Zahlreiche Frauen und Kinder mit Körben und Tabletts voller Essen kamen auf die halbgeöffneten Zugfenster zugerannt und priesen ihr Selbstgemachtes an. Diesmal gab es hauptsächlich frittierte Bananen, Sambos (dreieckige mit verschiedenen Füllungen frittierte Teigtaschen, auch bekannt als Samosas), gegrillte Hähnchenteile, Innereien, frische Bananen und in Bananenblätter gewickeltes Unidentifizierbares (für Aufklärung sind wir dankbar). Ich hatte solche Lust, ein paar der Leckereien zu probieren. Aber so kurz nach unserer Runny-Tummy-Tortur wollten wir kein Risiko eingehen und knabberten weiter an unseren selbst mitgebrachten Kräckern.

12_Offene_Zugtür

13_Schneise_Regenwald

10_Blick_aus_Fenster

13_Reisfelder

07_Zug_aussen

14_Zugstation_aussen

20_Zug_Verkauf#1

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35_Zug_hinten_hinaus

27_Zug_Verkauf#4

29_Zug_Verkauf#7

12_Zug_sich_Treiben_lassen

Nach nur 9 Stunden hörte das beständige und gleichmäßige Klacken der über die Schienenteile rollenden Zugräder auf. Wir waren in Manakara angekommen. Am Abend im Hotel trafen wir zwei Einheimische, die unabhängig voneinander voller Verwunderung waren und uns erklärten, welch Glück wir gehabt hätten, da es nur zweimal im Jahr vorkäme, dass der Zug so früh einträfe. Nach ein paar Taxi-Brousse-Horrorfahrten war es auch mal an der Zeit, dass das Glück auf unserer Seite war.

In Manakara blieben wir zwei Tage und waren sehr von dieser kleinen Küstenstadt angetan. Der Bootsausflug auf dem Canal des Pangalanes führte uns ans Meer und zu umliegenden Fischerdörfern, wo wir vorzüglichen frischen Fisch vom Grill zu Mittag bekamen.

Manakara_Segelboot

Manakara_Fischer#2

Manakara_Kanäle

Manakara_Fischer

Manakara_Fischer#3

Gegrillter_Fisch_Manakara

Nun zur Besonderheit von Manakara, die wir euch nicht vorenthalten wollen. Hier besteht kein Zweifel. Manakara ist unsere Top-1a-Kinostadt. Wir kannten zwar keinen der Filme, deren Titel inkl. Bilddruck auf einfachen DIN-A3-Blättern gezeigt war, jedoch offenbarte uns der Blick hinter den Vorhang des Eingangs Vielversprechendes. Ein kleiner Fernseher in einer Holzbaracke mit ca. 20 bis 30 Stühlen. Was will man mehr!

Manakara_Kino

 

7 Comments

 

  1. 30/10/2013  21:12 by Jay Pee Reply

    Breath taking. I'm jealous!

  2. 05/11/2013  09:28 by Alex Reply

    Hallo ihr beiden, es macht riesig Spaß eurem Blog zu folgen, und die Fotos sind auch ganz phantastisch! Ich wünsche euch viele weitere tolle Erlebnisse und ... Happy birthday, liebe Violeta! :-*

    • 08/11/2013  16:41 by V Reply

      :) Liebe Alex, freu mich total über deine Nachricht hier! Und dein Feedback! :) Happy B-Day zurück!

  3. 05/11/2013  10:40 by Holger Reply

    Liebe Violeta, die allerbesten Wünsche zum Geburtstag in der Ferne...
    PS: 1t!

    • 08/11/2013  16:34 by V Reply

      Vielen lieben Dank!! :) Schon fast seltsam, nur 1t von dir zu "bekommen"! ;)

  4. 05/11/2013  22:39 by Antonella Reply

    FELIZ CUMPLEAÑOS VIOLETA!!!!

    • 08/11/2013  16:33 by V Reply

      GRACIAS guapa!!! <3

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