Fast andächtig blickten wir aus dem Taxi auf die Lichter von Sansibar-Stadt. Unser Hotel lag inmitten von Stone Town, im Kiponda-Viertel und wir mussten die letzten Meter laufen, da das Auto nicht in die engen Straßen der historischen Altstadt einbiegen konnte. Wir waren sofort fasziniert von den verwinkelten Gassen, die von einer Mischung aus arabischer und indischer Architektur umschlossen wurden. Bei Ankunft war es bereits dunkel, aber im Gegensatz zu vielen anderen tansanischen Orten, die wir bis jetzt besucht hatten, war diese Stadt auch abends lebendig. Einheimische saßen vor den Häusern, Kinder spielten Fußball und irgendwo in der Ferne hörten wir Musik. Die Straßenlaternen spendeten ein weiches Licht, was diesem Ort eine gewisse Mystik verlieh. Steil aufsteigende Stufen führten uns auf die freizügige Hotelterrasse, die den Blick über die Mauerrundbögen, Innenhöfe und Dächer von Stone Town freigab. Wir fühlten uns, als wären wir durch den kurzen Flug vom Selous Nationalpark in die „Steinstadt“ in eine andere Welt katapultiert worden.

Stone Town at nichgt Kipondo

Kiponda Bed and Breakfast

View from Kipondo B and B Stone Town

Ursprünglich hatten wir vor, schon am nächsten Tag weiter an die Ostküste an den Strand zu fahren, aber dieser Plan war nach einer halben Stunde an diesem bezaubernden Ort hinfällig. Zum einen, weil wir aufgrund des verspäteten Fluges statt mittags erst abends ankamen. Zum anderen und das war der ausschlaggebende Grund, weil uns Stown Town komplett in seinen Bann gezogen hatte. Somit blieben wir einen Tag länger und reservierten auch gleich zwei weitere Nächte in unserem bezaubernden Hotel für die Rückkehr nach dem Strandaufenthalt.

Wir waren hungrig und fanden heraus, dass der Nachtmarkt, auf dem es zahlreiche Straßenstände mit Essen gab, nicht weit von unserem Hotel entfernt lag. Der Markt war im Forodhani Garden direkt am Wasser und wir konnten schon von weitem die Menschengruppen und Stände sehen, die von Petroleumlampen angeleuchtet wurden. Hinter den Tischen standen Männer in weissen Kitteln und riesen Kochmützen gekleidet. Dieser Anblick war surreal. Waren wir auf einen Nachtkochkurs mit geschätzten 30 angehenden Sterneköchen (alles Männer und nur eine einzige Frau dazwischen, die ich natürlich fotografieren wollte. Auch wenn es auf dem Bild nicht so aussieht, hatte ich sie zuvor um Erlaubnis gebeten) gestoßen?

Night market Forodhani Garden Stone Town

Night market Stone Town Sansibar Only woman

Wir kamen nicht weit da wurden wir bereits umzingelt von verschiedenen Leuten, die uns alle zu ihren, den „besten aller Stände“ führen wollten. „I am Mr. Polite! I am fisherman and I would like to show you the best seafood here. You know you should be careful with the other guys because they will cause you stomach problems.“ Und dann zeigte er auf die Fischspießchen, die fein säuberlich auf dem Tisch aufgereiht waren. Er ratterte in Hochgeschwindigkeit die Namen aller Meeresfrüchte herunter, die er im Angebot hatte. Wir bedankten uns bei Mr. Polite und erklärten ihm, dass wir uns zunächst ein Bild über all die anderen Köstlichkeiten machen wollen würden, bevor wir uns entschieden. Natürlich versuchte er, uns mit allen möglichen „Discounts“ und „Good prices“ zu ködern, aber da wurden wir schon von den nächsten Köchen umworben, die uns genau den gleichen Text aufsagten. Auffällig war, dass Mr. Polite nicht der einzige war, der Fischspießchen verkaufte. Alle anderen Stände dieser Art sahen identisch aus, boten genau die gleichen Meeresfrüchte an und präsentierten diese einheitlich. „Same same but different!“ erklärte uns Mr. Double-O-Seven energisch. Es gäbe immer das Gleiche, aber der Geschmack sei unterschiedlich. „Oh ok!“ erwidern wir und überlegen immer noch, ob jeder hier einen Namen hatte, der mit „Mr.“ beginnt.

Night Market Stone Town

Alle fünf Meter gab es einen Stand mit Zuckerrohrsaft, der manuell gepresst wurde. Hierzu wurde das Zuckerrohr zwischen zwei Walzen geschoben und mit einer Handkurbel unter viel Kraftaufwand durchgedrückt. Darüber hinaus wurden Schawarma, Fleischspießchen und Früchteteller verkauft. Die schiere Auswahl an Leckereien, der unwiderstehliche Duft von verschiedenen Gewürzen und die ständigen Überredungskünste der Standbesitzer versetzten uns erst einmal in eine lähmende Entscheidungsunfähigkeit. Nachdem wir ein ruhiges Plätzchen gefunden hatten, wo wir in Ruhe unsere Gelüste brainstormen konnten, fiel die Wahl auf Zanzibar Pizza (der Name ist etwas trügerisch, denn man bekommt keine Pizza wie man sie aus Italien kennt. Zanzibar Pizza ist ein dünner Fladen der nach Wunsch mit salzigen oder süßen Zutaten gefüllt und auf einer mit Holzkohle befeuerten Stahlpfanne gebraten wird). Nun mussten wir nur noch die letzte Hürde nehmen. Welchen der vielen „Pizzabäcker“ sollten wir wählen? Wir entschieden uns für Mr. X, der herausstach, weil er der einzige ohne Namensschild zu sein schien. Auf dem Nachtmarkt aßen alle, ob Touristen oder Einheimische, jung oder alt. Wir saßen neben all den anderen Einheimischen und Touristen auf der Hafenmauer und genossen das Geschmackserlebnis mit unserer ersten Beef-and-Cheese Zanzibar Pizza.

Zanzibar Pizza Stone Town

Das Morgenlicht des nächsten Tages zeigte wie viele Jahre diese Stadt schon hinter sich hatte. Starker Regen, Wind und Salzwasser haben das Korallengestein, aus dem die Häusermauern und Straßen gebaut sind, stark gezeichnet. Trotzdem hat Stone Town nichts von seiner Pracht und Herrschaftlichkeit verloren und wir konnten uns vorstellen, wie es zur Zeit der Sultane gewesen sein musste. Verschnörkelte Balkone und bunte Fensterläden verzierten die Gebäude. Auffällig waren die massiven, handgeschnitzten Holztüren, die Wohlstand symbolisierten. In den engen Gassen herrschte geschäftiges Treiben und wir wunderten uns, woher die ganzen alten, italienischen Roller kamen, auf denen die Stone Town Jungs und Männer mit Hochgeschwindigkeit durch die engen Straßen düsten.

Stone Town buidlings Zanzibar

Arab Architecture Stone Town

Boys Stone Town

Stonetown builings and signs

House of Wonder Stone Town Zanzibar

Women Stone Town Zanzibar

Stone Town Door

Stone Town Zanzibar Door

Group of people Stonetown

Game Zanzibar

An vielen Ecken der Stadt gab es mit Planen überdachte, kleine Essensstände, wo Fleischspieße gegrillt und Urojo (eine dickflüssige Suppe mit einer Einlage aus gekochten Kartoffeln, Eiern, Bällchen, die an Falafel erinnerten, gebratenem Fleisch, Maniok-Chips, Limettensaft und Chili) gekocht wurde. Einmal probiert waren wir so davon begeistert, dass wir ein neues Ritual einführten und Urojo jeden Tag zu Mittag aßen, solange wir in Stone Town waren.

Food stand Urojo Stone Town Zanzibar

Urojo Zanzibar Soup

Sugar cane Stone Town

Das Old Fort, ursprünglich eine portugiesische Festung und zur Zeit der Araber ein Gefängnis, wird heute als Open-Air Theater für Musik- und Tanzvorstellungen genutzt. Beim Betreten des Innenhofs, entdeckten wir dort ein paar junge Akrobaten und beobachteten sie beim Proben in der Abendsonne.

Old Fort Stone Town Zanzibar

Dancers at Old Fort Stone Town

Auch am zweiten Abend konnten wir es nicht sein lassen, den Nachtmarkt zu besuchen. Nicht weit von den Essenständen entdeckten wir eine Menschenansammlung. Sie beobachtete eine Horde von Sansibar Beachboys, die einer nach dem anderen waghalsig über die Hafenmauer ins Meer sprangen. Sie heizten sich gegenseitig auf, sprangen immer höher und machten mit der Zeit immer verrücktere Verrenkungen. Wir schauten eine Weile fasziniert zu, fragten uns aber, wie häufig dieser Übermut wohl in Unfällen endete.

Forodhani Garden Stone Town Zanzibar

Beach Boys jumper Stone Town Zanzibar

Beach Boys jumper Stone Town Zanzibar

Beach Boys jumper Stone Town Zanzibar

Ice man Stone Town Zanzibar

Am nächsten Morgen fuhren wir an die Ostküste der Insel, wo für wundervoll türkisblaues Wasser und einen weitläufigen Strand geworben wurde. Es gab Orte für Partyvolk oder Romantiksuchende. Wir wollten eine Mischung aus Idylle, authentischem Dorfleben und genug Gastroangebot, dass es unserem Gaumen nicht langweilig werden würde. Wir hatten uns für den Strand bei Jambiani, einem Fischerdorf im Südosten der Insel, entschieden. Als wir in unserer zuvor ausgewählten Bungalow-Anlage ankamen, merkten wir, dass das Dorf einige Kilometer entfernt lag. Wir lagen ziemlich ab vom Schuss. Die gewünschte Idylle bekamen wir also, nur die Kontaktaufnahme außerhalb des Ressorts wurde dadurch ein wenig erschwert. Nichtsdestotrotz genossen wir unsere ruhige Anlage, die besten Mango-Passionfruit-Smoothies aller Zeiten, die langen Spaziergänge am menschenleeren Strand und das tatsächlich so türkisblaue Meer. Nach vier Tagen Erholung pur kehrten wir in unser geliebtes Stone Town zurück.

East coast Jambiani beach Zanzibar

East coast Jambiani beach Zanzibar

East coast Jambiani beach Zanzibar

East coast Jambiani beach Zanzibar

Im Vorfeld der Reise hatte ich mir in Bezug auf Sansibar Gedanken gemacht. Im August dieses Jahres, also kurz vor unserer Abreise, geschah ein Säureanschlag auf zwei junge Britinnen, die in Stone Town unterwegs waren. Ich fing an zu recherchieren und fand heraus, dass zuvor noch nie Angriffe auf Ausländer verübt wurden. Ich beschloss loszulassen, mir keine Sorgen zu machen und mich stattdessen auf die Hauptstadt Sansibars zu freuen. Unsere Reise hält immer wieder Überraschungen für uns bereit. Ich hätte nicht gedacht, dass der Ort, der mir am meisten Kopfzerbrechen bereitet hatte, sich als der Platz herausstellt, an dem ich mich nach zwei Monaten Reise am meisten „angekommen“ fühlte.

Stone Town Zanzibar

Stone Town Zanzibar

Boys Stone Town Zanzibar

Stone Town Zanzibar

Stone Town Zanzibar

Spices Stone Town Zanzibar

Stone Town Zanzibar

Boy Stonetown

Stone Town Zanzibar

Boats Zanzibar Stonetown

 

3 Comments

 

  1. 10/12/2013  20:16 by isabel Reply

    Grossartig! Vielen dank! Auch ich musste an die Engländerinnen denken und freu mich, dass sich jetzt viele schöne Fotos über dieses hässliche Ereignis geschoben haben.

  2. 02/01/2014  15:52 by Antonella Reply

    Tolle Fotos und so schönes Ziel. Schön, dass Ihr es erleben konntet. Beruhigt.

  3. 02/01/2014  15:53 by Antonella Reply

    Das Foto mit dem springendem Kind als Schatten ist toll!

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