Wir brauchten drei verschiedene Busse und viel Toleranz, um von Hanoi zum Ba Be Nationalpark zu kommen. S wollte ein wenig mehr Beinfreiheit haben und wählte die Sitze vorne neben der Bustür. Erst zu spät als alle Plätze schon belegt waren merkten wir, wie der „Assistent“ des Busfahrers anfing schwere Säcke, Plastiktüten, Kartons und allerlei andere Gepäckstücke im Innenraum des Busses, direkt neben uns zu stapeln. Ganz unten im Haufen lugten unsere Backpacks hervor. Hätte ich mich nicht die komplette 3stündige Fahrt gegen den Gepäckberg gestützt, wäre mir das gleiche Schicksal wie unseren Rucksäcken widerfahren und ich wäre wahrscheinlich unter der Last begraben worden. Alles halb so schlimm, dachte ich mir. Was dann aber meine Toleranzgrenze überschritt, war der genannte Busfahrerhelfer, der 20 cm vor uns stand, den anderen Fahrgästen über unsere Köpfe hinweg immer mal wieder etwas zuschrie, sich währenddessen in der Nase bohrte und dabei kräftig schnaubte. Wenn der Bus über die zerklüftete Fahrbahn holperte, stolperte der gute Mann und musste sich festhalten. Und was eignete sich besser dazu, als unsere Schultern und Daypacks. 😕

Mittags machten wir an einer offenen Garküche Halt. S und ich waren die einzigen weiblichen Gäste unter einer Horde laut rülpsender, schmatzender, Schnaps saufender und Bong rauchender Männer. Sie begeisterten sich über unsere Gesellschaft, die wohl eine willkommene Abwechslung war. Einer der Herren freute sich besonders, beobachtete uns, während wir unsere Nudelsuppe aßen und lachte jedes Mal laut auf, wenn wir in seine Richtung schauten. Ein anderer Mann, S’s Tischnachbar, war ebenso beglückt und wollte uns das wohl mitteilen. Er betatschte S’s Bein ständig, zeigte gleichzeitig auf seine Camouflage-Stiefel und stieß dabei ein fragwürdiges Grunzen aus. Ein englischsprechender Mitreisender war nicht gewillt, uns zu übersetzen und meinte lediglich dazu, dass er nur Spaß mache. Ahh, achsoo! Ein weiterer Typ wollte uns Schnapsgläser reichen, aber wir lehnten freundlich ab. Er gab sich damit natürlich nicht zufrieden, blieb hartnäckig und hielt uns die Stamperl dicht unter die Nase. Ich kann diesen hochprozentigen Reiswein, der hier überall und zu jeder Tageszeit getrunken wird nicht einmal riechen, geschweige denn trinken. Um ehrlich zu sein, war ich in dieser Runde auch nicht gewillt, aus gespielter Höflichkeit mitzumachen. Also packten wir unsere „Ich-bin-Frau-und-trinke-keinen-Alkohol-Joker“ aus und entgingen so dem Gesöff.

Lunch on the way to Ba Be Nationalpark

Nach acht Stunden kamen wir endlich an unserem Ziel an: Mister Linh’s Homestay. Mister Linh ist einer der wenigen Touranbieter für diese Region und wir hatten bereits in Hanoi eine zweitägige Trekkingtour über ihn gebucht. Sein Haus lag mitten im Nationalpark direkt am Ba Be Lake, umgeben von dichtem Regenwald, sprießenden Reisfeldern und hohen Bergen. Wir wurden sehr herzlich von Mister Linh’s Ehefrau empfangen, die uns ein leckeres Abendessen kochte.

Linh Family Homestay Ba Be Nationalpark

Linh Family Homestay Dinner Ba Be Nationalpark

Homestay Mr Linh Ba Be Nationalpark 2

Wir blieben eine Nacht in Mister Linh’s Haus und wurden am nächsten Tag von unserem Guide abgeholt. Mister Linh hatte uns bereits erklärt, dass unser Guide aus einem der Dörfer stammte, sich sehr gut in der Region auskenne, sein Englisch dafür aber nicht astrein sei. Mrs. Linh stellte ihn uns als Mih-Ta Hung vor, woraufhin S wohlmeinend „Mih-Ta Hung“ wiederholte und lächelte, um zu zeigen, sie hätte verstanden. Er antwortete mit einem verständnislosen Blick und einem barschen „Hung!“ Dann fiel der Groschen: MISTER Hung!

Unser Weg führte zunächst im Tal am Ufer des Ba Be Lake, an saftig grünen Reisfeldern und kleinen Dörfern vorbei. Wir beobachteten Fischer, die aufrecht in ihren Booten standen und Holzspeere ins Wasser schleuderten. Wir waren fasziniert von der Geduld, mit der die Reisbauern die Setzlinge Stück für Stück per Hand in den Boden pflanzten während sie vorn übergebeugt knietief im Schlamm steckten. Später ging es durch den Regenwald bergauf bis zu einer geschlossenen Schule, wo wir zur Mittagspause Halt machten. Hung servierte uns in Bananenblätter eingepackten Klebreis und gebratenes Schweinefleisch. Wir genossen unser Picknick und den atemberaubenden Blick auf die umliegenden Reisfelder. Beim Essen erzählte uns unser Guide, dass er schon seit vier Jahren für Mih-Ta Linh arbeiten würde. Diesmal verstanden wir auf Anhieb. 🙂

Trekking Ba Be Nationalpark Vietnam

Rice farmers Ba Be Nationalpark

Rice farmers Ba Be Nationalpark

Trekking Ba Be Nationalpark

Trekking Ba Be Nationalpark

Trekking Ba Be Nationalpark

Picknick Ba Be Nationalpark

Picknick Ba Be Nationalpark

Trekking Ba Be Nationalpark

First day Trekking Ba Be Nationalpark 6

Während wir weiter wanderten fing es an zu regnen. Der Nebel verdichtete sich und versperrte uns immer mehr die Sicht. Der Weg wurde immer steiler und rutschiger bis wir uns auf einem Feld ohne erkennbaren Wanderpfad befanden. Hung ging schneller bis er hinter einem Hügel verschwand. S und ich waren immer noch damit beschäftigt, uns durch das Gebüsch zu schlagen, als wir ein lautes „Oh, ah!“ aus dem Nebel hörten. Hung kam den Hügel herunter gehüpft und schlug sich ein paar Mal auf den Kopf. Wir verstanden nicht, was er uns damit sagen wollte. Er holte sein Smartphone aus der Tasche, tippte aufgeregt in die Tasten und zeigte uns das Display. „I got lost on the way home“ stand in seiner Übersetzungs-App. Wir liefen ein Stück zurück bis Hung den richtigen Weg wieder fand.

Trekking in fog Ba Be Nationalpark

Nach einer Stunde fanden wir Unterschlupf im Haus einer Familie des H’mong Stammes, wo wir uns am offenen Feuer aufwärmen konnten. Eine neugierige Kinderscharr versammelte sich allmählich an der Tür und wir wurden dabei beobachtet, wie wir mit dem Oberhaupt der Familie grünen Tee aus kleinen Tässchen tranken.

H'mong tribe Ba Be Nationalpark

H'Mong family Ba Be Nationalpark

Green tea H'mong family Ba Be Nationalpark

H'mong family home Ba Be Nationalpark

Kids H'mong tribe Ba Be Nationalpark

Eine Stunde später kehrten wir in das nächste Haus ein. Diese Familie gehörte, wie auch Hung, dem Dzao-Stamm an. Der Hausherr empfing uns herzlich, lächelte über beide Ohren, wobei sein Goldzahn zum Vorschein kam. Wir bekamen wieder grünen Tee gereicht. Als unser Gastgeber einen durchsichtigen Kanister holte, eine farblose Flüssigkeit in eine Plastikflasche umfüllte und vier Schnapsgläser auf den Tisch stellte, wusste ich, dass  uns das Frausein dieses Mal nicht retten würde und es nicht nur beim grünen Tee bleiben würde. Wir fragten Hung, was in der Plastikflasche schwamm: „Bees, medicine!“ erklärte er uns. Erwartungsvoll warteten die beiden Männer auf unsere Reaktion, nachdem sie die „Medizin“ hinunter gekippt und wir davon genippt hatten. S war ganz angetan von der Mandelnote und nickte den Männern wohlwollend zu. Daraufhin versuchte unser Gastgeber immer wieder mit der Plastikflasche nachzuschenken. Bei jedem Versuch zog S das Glas aber schnell zurück, woraufhin der Mann schellmisch grinste und nach einigen Bemühungen aufgab. Bei Hung hingegen brauchte es keine Überredungsversuche. Er trank gerne und nicht zu knapp.

Rice wine with bees Dzao tribe Ba Be Nationalpark

Rice wine at Dzao tribe Ba Be Nationalpark

Am frühen Abend kamen wir in Hung’s Haus an, wo wir von seiner Großfamilie empfangen wurden. Wir wollten mitten hinein in die vietnamesische Ursprünglichkeit und authentisches Familienleben erfahren. Hung’s Homestay war einfach und echt. Ich genoss die kalte Eimerdusche im halboffenen Ziegelsteinhäuschen im Garten und S die Kochkünste der Gastgeber am offenen Feuer. Die gesamte Familie half bei der stundenlangen, liebevollen Zubereitung des Essens im halbdunklen, nur durch die Flammen erleuchteten Raum. Wir aßen alle gemeinsam zu Abend und versuchten mit Händen und Füßen zu zeigen, wie gut es uns schmeckte. Hung’s Frau bereitete uns unser Bett vor, das mitten im Wohnzimmer, dessen Wände mit Ho-Chi-Minh-Bildern, Zeitungsausschnitten und veralteten Kalenderpostern beklebt waren, stand. Die dünne Styropormatratze polsterte so gut wie überhaupt nicht und schon nach fünf Minuten fühlten wir die Härte des Holzgestells.

Homestay Mr Hung family homestay Ba Be Nationalpark

Mr Hung family Homestay Ba Be Nationalpark

Mr Hung family Homestay Ba Be Nationalpark

Mr Hung family Homestay Ba Be Nationalpark

Mr Hung family Homestay Ba Be Nationalpark

Mr Hung family Homestay Ba Be Nationalpark

Mr Hung family Homestay Ba Be Nationalpark

Mr Hung family Homestay Ba Be Nationalpark

Mr Hung family Homestay Ba Be Nationalpark

Mr Hung family Homestay Ba Be Nationalpark

Mr Hung family Homestay Ba Be Nationalpark

Am nächsten Tag spürten wir jeden Knochen und waren froh, dass wir nur bis zum Mittagessen wanderten. Am Nachmittag machten wir es uns trotz des kalten Windes und des Nieselregens in einem Boot gemütlich und ließen uns auf dem Nang-Fluss zur Puong-Tropfsteinhöhle fahren. Unterwegs machten wir noch Halt an dem An Ma Tempel und fanden dort eine „Good-Luck-Performance“ vor, während der die Hauptakteurin in glänzenden Kostümen gekleidet begleitet von Live-Musik tanzte, mit Feuer spielte und Geldscheine an die Zuschauer verteilte. Auch wir erhielten jeweils einen Zweitausend-Dong-Schein zur Sicherung unseres Glücks für das kommende Jahr.

Trekken Ba Be Nationalpark Vietnam

Trekken Ba Be Nationalpark Vietnam

Second day trekking Ba Be Nationalpark 3

Boat trip Ba Be Lake Vietnam

Boat trip Ba Be Lake Vietnam

Boat trip Ba Be Lake Vietnam

Boat trip Ba Be Lake Vietnam

Puong Cave Boat trip Ba Be Lake Vietnam

An Ma Temple Ba Be Nationalpark Vietnam

Good Luck Money An Ma Temple Performance

Wir waren ergriffen von der Schönheit der massiven Kalksteinberge und der Weite des Ba Be Bergsees. Hung schien unbeeindruckt. Er hätte wohl doch den ein oder anderen Schnaps am Vortag auslassen sollen…

Boat trip Ba Be Lake Vietnam

 

2 Comments

 

  1. 15/03/2014  15:27 by R Reply

    Love those pictures! Especially the ones in the kitchen, and the one with the foggy mountains in the back and ...
    all the others as well!

    • S
      20/03/2014  02:48 by S Reply

      :D Thank you!!!

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