Es gibt einige Orte auf der Welt, in denen ich mich gefragt habe, wie die Leute mit dem verrückten Verkehr klarkommen. Istanbul zum Beispiel, wo ich im Taxi saß und für 5 km Luftlinie eineinhalb Stunden brauchte, weil dutzende von Autos in einer Kreuzung feststeckten, sich gegenseitig blockierten und es kein Durchkommen mehr gab. Dafür gab es viel Gehupe und Geschrei, kombiniert mit ärgerlicher Gestikulation der aussteigenden Fahrer.

Dann gibt es Orte wie Yangon, wo ich mir am Straßenrand die Frage stellte, ob ich jemals wieder die Fahrbahn überqueren würde, nachdem es einmal gut gegangen war. Ich hatte mich mutig Schritt für Schritt auf die völlig überfüllte 4spurige Straße begeben, obwohl ich zuvor beobachtete, dass niemand lange auf seiner Spur blieb. Ich ging jedoch davon aus, dass die hinterm Steuer sitzenden Personen bei Verstand seien und vor mir abbremsen würden. Yangon’s „Straßendraufgänger“ waren anders. Dort wurde nicht gebremst, ob man im Weg stand oder nicht. Man musste sprinten und hoffen.

Und dann gibt es da noch Ho Chi Minh City, Vietnams größte Stadt. Unvergleichbar. Wo sind wir gelandet? In der Welthauptstadt der Motorroller? Niemals zuvor habe ich eine solche Masse an motorisierten Zweirädern gesehen. Hier schossen mir gleich mehrere Fragen durch den Kopf. Wo fahren die denn alle hin? Wo sind all die Autos abgeblieben? Könnte ich selbst hier Roller fahren? Und wie zum Teufel komme ich auf die andere Straßenseite? Im ersten Moment wirkt die Flut an Rollern chaotisch, hat man sich jedoch zwei-, dreimal in den fahrenden Strom begeben, merkt man, dass dieser einer Logik zu gehorchen scheint. Solange der Fußgänger mit gleichbleibender Geschwindigkeit furchtlos voranschreitet, nicht stehenbleibt und nicht plötzlich anfängt um sein Leben zu rennen, weichen die Raser geschickt aus. Das funktioniert erstaunlich gut, man darf sich nur nicht von dem andauernden Hupenorchester irritieren lassen.

Scooter motorbikes Ho Chi Minh City

Scooter motorbikes Ho Chi Minh City

Scooter Ho Chi Minh City

Wir erfuhren von einem Vietnamesen, dass hier jeder zweite einen Roller besitzt. Familien haben mindestens einen und in seinem Haushalt gäbe es drei davon. Auf ihren geliebten Motorrädern kaufen, essen und dösen die Einheimischen. Hier parkt man das gute Stück nicht einfach am Wegesrand sondern stellt es im Wohnzimmer ab. Aber nicht nur dort sondern auch unmittelbar vor Ladentüren, in Cafés, auf Gehsteigen (die es irgendwie nur zur Zierde gibt, weil man als Fußgänger ohnehin auf die Straße ausweichen muss). Und was wären all die Roller ohne die Fahrer und ihren bunt verzierten Mundschutz, der nicht nur Abgase abhalten sondern insbesondere den Vietnamesinnen helfen sollen, ihre vornehme Gesichtsblässe zu behalten. Dabei kann man auch einige Frauen beobachten, die ihren Sonnenschutz soweit treiben, dass sie ihren Helm, Mundschutz sowie Sonnenbrille auch nach der Fahrt nicht mehr ablegen, was schon ein wenig seltsam aussieht.

Scooter Ho Chi Minh City6

Scooter in home Ho Chi Minh City

Scooter motorbikes rikscha Ho Chi Minh City

Helmet sun glasses and mouth protection Ho Chi Minh City

Wir kamen am späten Abend in Ho Chi Minh City an. Was uns sofort auffiel, als wir zum ersten Mal eine der großen überfüllten Straßen hinter uns ließen und in die schmale Gasse des Backpackerviertels Phạm Ngũ Lão einbogen, waren die vielen Unterkünfte, die mit Niedrigstangeboten gegeneinander antreten. Nach den übertriebenen und fast schon irrwitzigen Hotelpreisen in Myanmar freuten wir uns auf die schöneren Zimmer und gleichzeitige Schonung unserer Reisekasse. Darüber hinaus fielen uns die vielen Flipflops auf, die vor den Hauseingängen lagen. Zunächst gingen wir davon aus, dass nur die Einheimischen ihre Schuhe draußen ließen, so wie es auch in Myanmar gängig war. Bis wir von dem netten Mann an der Rezeption unseres Hotels gebeten wurden unsere Schuhe auszuziehen. Ich klopfte auf Holz und versuchte den Gedanken an Fußpilz aus meinem Kopf zu verbannen, während wir die vier Stockwerke barfuß auf den Steinfliesen nach oben gingen.

Unseren ersten Morgen in Vietnam begannen wir mit einem Freudenschrei. Nachdem wir monatelang Instantkaffee überstehen mussten, bekamen wir hier endlich Kaffee der allerfeinsten Sorte. Ich wusste nicht, dass Vietnam einer der größten Kaffeeproduzenten ist und sich mit seinem Qualitätskaffee unter Gourmets einen Namen gemacht hat. Schon das Hingucken ist ein Genuss, denn die Zubereitung des vietnamesischen Kaffees passiert vor den Augen am eigenen Tisch. Das Kaffeepulver wird in einem kleinen metallenen Filter, der auf eine Tasse oder ein Glas gestellt wird, serviert. Darüber wird heisses Wasser gegossen. Dann wartet man solange, bis der köstliche Kaffee mit der feinen Schokoladennote in die Tasse getropft ist.

Vietnamese coffee

Noch etwas, was ich nicht erwartet hatte, war die Unmenge an propagandistischen Plakaten und überdimensionierten Statuen, die die Stadt „schmücken“. Auch die Vielzahl an Ho Chi Minh Bildern, über die man an jeder Ecke stolpert, muten für den Laien ein wenig seltsam an. Und nicht nur hier, auch als wir am nächsten Tag die Tunnel von Cu Chi (ein Tunnelsystem, das von vietnamesischen Partisanen als Versteck vor den amerikanischen Streitkräften gebaut wurde) besuchten, wurden wir von der Propaganda der kommunistischen Partei völlig überrumpelt. In einer Art „Bildungsfilm“ mussten wir 20 Minuten lang Tiraden wie „…he and she were American Killer Heros!“ überstehen, während die Protagonisten lächelnd den Boden pflügten. Oder ein anderes Zitat, das den täglichen Tagesablauf der „Helden“ beschreiben sollte: „During the day they were farmers. At night they killed Americans!“. 😯

Statue Ho Chi Minh in Ho Chi Minh City

Public exhibition Ho Chi Minh City

Ho Chi Minh

Ho Chi Minh pictures in HCMC

Die schmalen, verwinkelten Gassen im Phạm Ngũ Lão Viertel schienen zunächst etwas düster und sahen beim ersten Anblick etwas verrucht aus, die Erkundungstour lohnte sich jedoch voll und ganz. Viele Wohnungstüren standen offen und wir blickten mitten ins Leben der Einheimischen. Niemanden schien es zu stören, dass Fremde fast durchs Wohnzimmer liefen. Abends mischten sich hier Einheimische und Touristen, aßen an einem der vielen Grillstände und tranken Bia Hoi (ein in Vietnam beliebtes Fassbier, das täglich gebraut wird. Es hat nur drei Promille. Ich würde es eher Limo nennen). An unserem ersten Abend stießen wir bei unserem Spaziergang durch das Gassenlabyrinth zufällig auf einen Fruchtshake-Stand, wo wir einen der leckersten Smoothies aller Zeiten für uns entdeckt haben. Falls Ihr mal in Ho Chi Minh City seid: Der mobile Stand ist an der Ecke Bui Vien Street und Hem 84 gegenüber des Ministop-Ladens zu finden. Am Wochenende sollte man etwas Wartezeit mitbringen, denn das Geschäft brummt und die Familie kommt mit dem Früchtemixen kaum hinterher.

Phạm Ngũ Lão area Ho Chi Minh City

Food stand Hem 84 Ho Chi Minh City

Die Bui Vien Street wirkte auf mich wie eine Kopie der Khaosan Road in Bangkok, nur gab es hier – wie kann es auch anders sein – mehr Roller. Viele Bars hatten ihre Plastikstühle in Kinobestuhlungsart auf dem Gehweg und auf der Straße  vor dem Eingang platziert. Es war Samstagabend und wir mussten ein wenig suchen, bis wir Plätze fanden. Wir gaben uns mit den zwei freien Stühlen in der ersten Reihe von vier, ganz vorne auf der Straße sitzend zufrieden, weil wir nicht länger suchen bzw. warten wollten. Mitten in den Abgasen der vorbeidüsenden Motorroller genossen wir unser erstes Saigon Bier.

Bui Vien Street Bia Hoi Ho Chi Minh City

Bui Vien Hem 84 Street HCMC3

 

2 Comments

 

  1. 25/02/2014  13:28 by Antonella Reply

    Ohhhh so viele Roller. Das wäre mein Paradies als so grosser Roller-Fan. Meine Stadt ;).

  2. 28/02/2014  20:53 by Jay Pee Reply

    Very interesting,....and always, really good photos.

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